TORONTO Tag 1: Geschichte wird gemacht (2023)

Dass das Toronto International Film Festival wieder zur Normalität zurückkehrt nach den beiden vergangenen Durchhaltejahren, lässt sich auch daran erkennen, dass sich dieser riesige Tanker nur langsam in Bewegung setzt und ein bisschen braucht, um Fahrt aufzunehmen. Und das Festival ist ein riesiger Tanker, für das einmal mehr ganze Straßenzüge im Theatre District der Stadt geschlossen wurden. Dort herrscht eine Stimmung wie auf einem Jahrmarkt, ein riesiger Zirkus, der bespaßt werden will, während es dann doch auch um Filme gehen soll. Um die großen Premieren einerseits, auf denen der Ruf des Festivals fußt, um eine betont progressive politische Haltung andererseits, mit denen Minderheiten unterstützt und Diversität und Inklusion andererseits gefördert werden sollen, und die sich in der Filmauswahl betont bemerkbar macht, wo man sich durchaus als Gatekeeper versteht und schon auch bereitwillig die schützende Hand von ausgewählten Filmen zurückzieht. Ein Enthüllungsartikel im Spiegel, Ulrich Seidl habe am Set seines neuen Films Sparta" - ein Begleitwerk zu Rimini", der im Frühjahr im Wettbewerb der Berlinale Premiere gefeiert hatte - jugendliche rumänische Laiendarsteller und deren Familien nicht korrekt über das Filmthema Pädophilie informiert und Kinder hätten sich am Set unwohl gefühlt, hatte nun zur Folge, dass die Weltpremiere des Films sowie die vier weiteren angesetzten Vorführungen in Toronto abgesagt wurden - obwohl Seidl die Vorwürfe vehement bestreitet und mit rechtlichen Schritten droht. In San Sebastian, das am 16. September beginnt und wo "Sparta" ebenfalls laufen soll, will man indes daran festhalten, den Film zu zeigen. "Wenn jemand Beweise für ein Verbrechen hat, sollte er dies der Justiz melden. Nur ein Gerichtsbeschluss könnte dazu führen, dass wir eine geplante Vorführung aussetzen", hieß es von Festivalseite in San Sebastian. Das Statement aus Toronto fällt knapper aus: "Das TIFF wird ,Sparta' unter der Regie von Ulrich Seidl nicht länger zeigen." Damit ist der Fall geschlossen, eine kleine Randnotiz nur. Der Tanker ist in Bewegung; das Narrativ vom "guten" Festival darf keinen Kratzer erfahren.

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Ganz so oft kommt es nicht vor, dass Filme Geschichte schreiben, also sollte man es auch honorieren, wenn es dann einmal der Fall ist. Also, so sieht es aus: Bros" ist die erste von einem Hollywoodstudio realisierte romantische Komödie über zwei schwule Männer mit einer Besetzung, die fast ausschließlich aus Mitgliedern der LGBTQ+-Community besteht. Das macht den Film von und mit dem Comedian Billy Eichner - loud und proud out - sowie Regisseur Nicholas Stoller und Produzent Judd Apatow - beide heterosexuell und so ungefähr die beiden besten Männer, die man bei einer Komödie an seiner Seite haben will - zu einem Meilenstein. Aber das allein macht ihn weder lustig, noch macht es ihn zu einem guten Film. Und das sind die wesentlichen Parameter, nach denen eine Komödie bewertet werden sollte. Umso erfreulicher ist es, dass man ersteres unbedingt bejahen kann: Sehr lustig, ebenso wie ziemlich derb und auf erfrischende Weise kämpferisch. Zweiteres lässt sich weniger leicht beantworten, weil es sehr davon abhängt, wie man zu Billy Eichner steht, ein Comedian mit einer so großen Persönlichkeit und einem so lauten Auftreten, dass kaum Sauerstoff bleibt für andere Menschen im Raum. Er ist das, was man so schön "in your face" nennt: Egal, wie weit er entfernt sein mag, es kommt einem immer so vor, als wäre er gerade einmal zehn Zentimeter vom eigenen Gesicht entfernt.

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Es ist aber auch seine ureigene Qualität als Comedian, weshalb es klug war, ihn in "Bros" eine Rolle spielen zu lassen, die seiner Persönlichkeit unbedingt entspricht. Judd Apatow hat das in der Vergangenheit schon bei anderen Standup-Komödianten mit absolut unverkennbarem Auftreten gemacht, bei Amy Schumer und "Dating-Queen" oder Pete Davidson und King of Staten Island" beispielsweise, Filme, die ihren Witz und Humor aus dem Seelenstriptease ihrer Stars bezogen, semi-autobiographische Dramen, die deshalb so lustig waren, weil ihre Hauptdarsteller einfach sie selbst sein durften. In "Bros" spielt Billy Eichner einen populären LGBTQ+-Aktivisten namens Bobby, der sich bei seinen Auftritten und Podcasts konfrontativ mit Gott und der schwulen Welt beschäftigt. Als Mitglied des Verwaltungsrats eines Museums für queere Geschichte setzt er sich zusätzlich für die gute Sache ein, was dem Film die Möglichkeit gibt, über bloßen Jux und Dollerei hinaus auch ernste Themen anzureißen. So viel Sendungsbewusstsein darf sein, auch wenn es in der Handlung erst einmal darum geht, dass Bobby als erklärter Gegner fester Beziehungen sich erstmals verliebt, und dann auch noch ausgerechnet in einen Typen, der das genaue Gegenteil von ihm ist: Bobby ist schlaksig und wortgewandt und verbirgt hinter seinem schroffen Auftreten eine entwaffnende Unsicherheit; Aaron ist ein gutmütiges, unkompliziertes Muskelpaket, der sein Schwulsein in weniger vollen Zügen auslebt, aus einer konservativen Familie mit einem konservativen Job und erst im Nachtleben in den Schwulenbars seine Sexualität auslebt.

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Der Film folgt dem Muster klassischer Romcoms, nur dass hier nicht ein Junge ein Mädchen trifft und sich verliebt und es dann zu lustigen Komplikationen kommt, sondern dass ein Junge einen Jungen trifft usw. Nicholas Stoller, der auch die Idee zu dem Projekt hatte und dann Billy Eichner als Spezialisten dazu holte, mit dem er schon bei der schönen Netflix-Serie "Friends from College" gearbeitet hatte, ist der richtige Mann für den Stoff, weil er mit seinem bei Filmen wie Nie wieder Sex mit der Ex" oder Bad Neighbors" geschulten Blick immer ein Auge auf die Comedy hat, auf die Gags, wobei es hilft, dass er keine Berührungsängste kennt, wenn es um Sex geht. Denn "Bros" ist ein sehr expliziter, manchmal derber Film, dem es egal ist, ob prüdere Zuschauer pikiert sein könnten. Die Welt des Films und seine Figuren sind genuin. Und das ist der eigentliche Meilenstein. Das hat "Bros" vielleicht vergleichbaren Filmen wie Birdcage", In and Out" oder "I Love You Philip Morris" meilenweit voraus: Er ist nicht geschmackvoll und freundlich portioniert mit einem Auge auf ein heterosexuelles Publikum gemacht. Hier ist es einfach nur eingeladen, ebenfalls Spaß zu haben. Und das ist gut so.

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Mit Spannung war auch die erste Regiearbeit der vormaligen Schauspielerin Sarah Polley seit nahezu zehn Jahren erwartet worden, Die Aussprache", eine Verfilmung des 2018 erschienenen Romans von Miriam Toews, die vor ein paar Tagen bereits in Telluride Weltpremiere gehabt hatte. "Women Talking" heißt das Buch im Original. Das beschreibt den Film ziemlich gut. Neun Frauen aus einer mennonitischen Kolonie debattieren eine Nacht lang in einer Scheune und entscheiden über das Schicksal aller Frauen ihrer Gemeinde, nachdem Fälle von systemischer Gewalt und Vergewaltigung durch die Männer bekannt geworden sind. Nichts tun. Bleiben und kämpfen. Weggehen. Das sind die drei Optionen, die zur Verfügung stehen. Ein Mann ist eingeladen, Protokoll zu führen, der sympathische Lehrer der Kolonie. Ein bisschen fühlt man sich an Die zwölf Geschworenen" erinnert, wie da an einem Schauplatz Argumente vorgebracht, Ideen abgewogen, Streitpunkte identifiziert, immer wieder auch Geschichten erzählt und hin und wieder Kirchenhymnen gesungen werden und die tief religiösen Frauen versuchen, ihre Entscheidung auch mit ihrem Glauben in Einklang zu bringen. Es ist eine Nacht voller Offenbarungen und Konflikte, aber auch erfüllt mit Solidarität und Liebe füreinander. Die Schauspielerinnen sind großartig, allen voran Jessie Buckley, Claire Foy und Rooney Mara, Frances McDormand schaut auf einen Gastauftritt vorbei. So präzise und einfühlsam er auch gemacht ist, die Kamera sich sanft um die Figuren bewegt und kleine Rückblenden die Stasis aufbrechen, ein bisschen fühlt man sich in der Enge und dem Rhythmus der Erzählung doch erinnert an ein Theaterstück. Erst als der beschlossene Plan dann in die Tat umgesetzt wird, entsteht ein Momentum. Das ist dann aber auch nachhaltig.

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Aus Toronto berichtet Thomas Schultze.

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Last Updated: 02/04/2023

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